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EIN JAHR LETHE

 

oder

Ein Blick zurück und einer nach vorne

In 4 Wochen wird  LETHE  ein Jahr alt.  Das ist Anlass, eine Bilanz zu ziehen und eventuelle Kurskorrekturen vorzunehmen. Nicht alle Wege haben zum Ziel geführt – eines aber ist doch klar geworden: LETHE wird mehr denn je gebraucht!

Der Fluss LETHE – Sie erinnern sich – dem unser Konzept seinen Namen entlehnt hat, hat uns immer wieder daran erinnert, nicht nur über das BEHALTEN im Lernprozess, sondern auch über die Rolle des Vergessens nachzudenken. Der Umgang mit den verschiedensten Menschen im vergangenen Jahr hat uns die Erkenntnis gebracht, dass …

… Erziehung das von Erwachsenen begleitete Lernen von Anschlussfähigkeiten eines individuellen Gedächtnisses an das kulturelle Gedächtnis einer größeren Gemeinschaft ist.

Die Kluft zwischen beiden ist in einem Kind am größten – im Heranwachsen schließt sich die Lücke und führt im Heranwachsenden dazu, dass er eine Zugehörigkeit aufbaut. Wird die „Erziehung“ zu einem kollektiven Gedächtnis unterbrochen bzw. ist sie nicht gewährleistet, wird der Mensch um Wesentliches beraubt. Ihm fehlt das Angebundensein, das jedoch jeder Mensch braucht. Unnötig zu sagen, dass wir Individuen UND Gemeinschaftswesen sind. Junge und ältere Menschen aufzunehmen, ist das Eine. Die Aufnahme in eine Gemeinschaft ist allerdings mit Deutsch- bzw. Alphabetisierungskursen allein und mit ineffizienten „Integrationsmaßnahmen“ nicht zu leisten. Da ist noch viel zu tun.

Das (1) individuelle Gedächtnis greift bei Bedarf auf ein Bewusstsein zurück, das kollektive hingegen auf soziale Kommunikation. Das (2) kulturelle Gedächtnis ist das, was sich mit der Erstsozialisation im Individuum einprägt und ihm Identität im Gemeinschaftlichen gibt. (1) begrenzt die Erfahrungsgeschichte der Person, (2) umfasst alle Kommunikation aller Kommunikationsteilnehmer.

Denken wir weiter in diese Richtung, ergibt sich die Frage nach der Wirkung, die ein Herausgerissenwerden aus einer Gemeinschaft auf einem jungen Menschen ausübt. Er hat die angestammte Gemeinschaft verlassen und taucht in einer neuen auf, bringt aber Erinnerungsstücke an das Verlassene mit, ja, hält in der Fremde nachgerade daran fest. Um sich neu auszurichten, müsste er „vergessen“ – er müsste das kulturelle Gedächtnis überschreiben. Tut er das nicht, wird er sich nicht mit der neuen Umgebung identifizieren. Insbesondere auch dann nicht, wenn er keine geeigneten Lebensmodelle vorfindet, die für eine Identifikation attraktiv sind.

Erinnern und Vergessen im Lernprozess:

Eine erinnerungslose Menschheit ohne Geschichte und Fortgang ist eine, die sich von einem Augenblick auf den anderen stürzt und nicht in der Lage ist, diese Augenblicke miteinander zu verbinden.

Eine Menschheit ohne Fähigkeit zu vergessen, ist eine ohne Struktur und ohne Erkenntnis, Bedeutsames von Unbedeutsamem zu unterscheiden.

Vergessen, nehmen wir aus diesem Abschnitt mit, ist beides: es ist vernichtend und aufbauend. Es löst Identität auf und lässt durch Kontinuität vermittelte Sicherheit nicht mehr zu, aber es schafft Platz für Neues. Und Vergessen bedeutet nicht nur ein Verschwinden, sondern die Rückkehr zum Ganzen und ins Ganze. Dieses Vergessen nun im Lernprozess zu akzeptieren – es sogar mit einzubeziehen und aktiv zu betreiben – setzt voraus, es als eine Möglichkeit des menschlichen Daseins in Betracht zu ziehen. Das versuchen wir unseren Schülern wie auch Seminarteilnehmern mitzugeben. Damit sich Menschen in einer komplexen Welt wie der unseren zurechtfinden und nicht bloße Fähnchen im Wind sind, ist es wichtig, Wichtiges von Unwichtigem und Dringendes von Nichtdringendem unterscheiden zu können.

Für den November bereiten wir derzeit einen Workshop über „Lernen“ vor – es wird einen theoretischen und einen praktischen Teil geben. In diesem Zusammenhang wird es natürlich um das sehr wichtige Thema WAHRNEHMUNG gehen – und natürlich um die Schlüsse, die man aus dieser Wahrnehmung zieht. Man kann uns übrigens „buchen“ – fragen Sie nach. Wie im letzten Jahr sehen wir auch in diesem Jahr vor, auch bei Ihnen in Ihren Räumlichkeiten Seminare und Unterricht zu geben.

Was die Ausbildung nach LETHE für Lehrer und Ehrenamtliche angeht, haben wir eine Ergänzung vorgenommen, und dies sowohl in Hinblick auf die Lehrer und Erzieher als auch die Berufseinsteiger.

Es besteht – wie uns zugetragen wurde und wir auch an einzelnen Schülern selbst bezeugen können – bei vielen Schulabgängern eine nicht übersehbare Lücke zwischen ihrem erreichten und bescheinigten Schulabschluss und den Fähigkeiten und Techniken, die sie zum Eintritt ins Berufsleben brauchen. Das gilt insbesondere für viele Deutschlerner, aber auch für Deutsch-Muttersprachler.

Hier wird LETHE einspringen, indem wir eine dreiwöchige, praxisorientierte Vorbereitung auf das Berufsleben durchführen. Das ist kein theoretisches Pauken, sondern dient der Anwendung und Vertiefung in der Realität. Diese Vorbereitung wird 60 Stunden umfassen, dies in den Teilbereichen 1. Berufsberatung (Was ist der richtige Beruf für mich? Fähigkeitenprofil, Schwächen, Stärken), 2. Bewerbungstraining (Lebenslauf, Anschreiben, Vorstellungsgespäch), 3. Vertiefung der Deutschkenntnisse (Idiomatik, Besonderheiten der gesprochenen Sprache, nominales Deutsch), 4. Textgebundene Mathematik, Mathematik im Alltag und 5. Arbeitsrecht, Arbeits- und Ausbildungsverträge und die entsprechenden Hintergründe.

Herausgenommen haben wir aus unserem LETHE-Programm Etliches, das wir zwar interessant fanden, das aber unser Profil und auch unsere Ansprechpartner irritierte. Aber aus Fehlern lernt man eben, und wir starten verschlankt ins zweite Jahr. Geblieben ist der Hintergrund, bzw. unser Weltbild und natürlich die deutsche Sprache, um die wir uns – zu Recht oder zu Unrecht?? – ein wenig sorgen.

Mehr zu aktuellen Seminaren und Workshops – auch Einzelausbildungen und Förderungen gibt es demnächst.

LERNEN, GEDÄCHTNIS, LERNTYPEN

Wie lernen wir eigentlich?  Was passiert da? Was ist das Gedächtnis?- Menschen besitzen nicht nur ein Gedächtnis, sondern drei. Alle drei sind beteiligt, wenn wir etwas lernen:

  • Ultra-Kurzzeitgedächtnis
  • Kurzzeitgedächtnis (oder Arbeitsspeicher)
  • Langzeitgedächtnis
GehirnFremdsprachen
Quelle: © Spektrum der Wissenschaft / Meganim / Buske-Grafik (Ausschnitt)
Aufnahme von Gehörtem und Gesehenem

Das Ultra-Kurzzeit-Gedächtnis (UKG) nimmt – vornehmlich die visuellen und auditiven – Sinneseindrücke auf. Es wird deshalb das sensorische Gedächtnis genannt. Das UKG kann für einen Zeitraum von wenigen Sekunden eine große Menge Informationen aufnehmen. Die auditiven Wahrnehmungen verweilen am längsten im Speicher, der größte Teil der aufgenommenen Information wird sofort wieder gelöscht.

Selektion des Gesehenen und Gehörten

Informationen, die uns am interessantesten scheinen und denen wir am meisten Aufmerksamkeit schenken, werden in den Arbeitsspeicher aufgenommen. Seine Aufnahmekapazität beträgt etwa 7 Objekte (Chunks). Informationen, die uns sinnlos oder unwichtig erscheinen, vergessen wir.
Die Speicherdauer im Kurzzeitgedächtnis beträgt bei nur einmaliger Einspeicherung ca. 6 bis max. 20 Sekunden. Wollen wir den gesamten Inhalt länger behalten, müssen wir ihn im Geiste wiederholen.

Speicherung

Wichtige oder interessante Informationen jedoch gehen in das Langzeitgedächtnis ein. Sind sie einmal dorthin gelangt, werden sie so schnell nicht mehr vergessen. Der Speicherplatz des Langzeitgedächtnisses ist nach heutigem Wissen unbegrenzt, ebenso wie die Speicherdauer. Es kann wohl sein, dass man sich nicht mehr an einmal im Langzeitgedächtnis abgelegte Inhalte erinnern kann, gleichwohl ist der Inhalt noch vorhanden; allein der Zugang zur Information ist versperrt.

Die Kunst des Lernens und Behaltens besteht also darin, das, was gelernt werden soll, von der Aufnahme über die Selektion in den Langzeitspeicher zu transferieren.

Gedächtnisdauer nach John Eccles (1903-1997)

gedaechtnisdauer

Gutes und vor allem langfristiges Lernen hängt von mindestens drei Faktoren ab: Lerner müssen motiviert sein, sich wirklich mit dem Stoff zu beschäftigen. Lehrer müssen den Unterricht so gestalten, dass sinnvolles Lernen möglich ist. Und der Lehrplan muss neben der notwendigen Bildung auch Platz für Eigeninteresse und genug Lernzeit bieten.

Die nötige intrinsische Motivation vorausgesetzt, und auch vorausgesetzt, dass der Lehrer seinen Unterricht interessant und versiert gestalten kann, und auch vorausgesetzt, dass genügend Zeit da ist, um sich mit dem Stoff – in unserem Fall einer Sprache – auseinanderzusetzen, lernen Menschen UNTERSCHIEDLICH.

Worin diese Unterschiedlichkeit besteht und wie der Lerninhalt unterschiedlich gesichert gesichert und der Lerneffekt (verstanden als Übertragung zwischen den beiden Gedächtnissen Kurzzeit und Langzeit) gesteigert werden kann, war und ist der Gegenstand etlicher Lernforscher. Hier stellen wir einige vor.

1.   Lernertypen nach Wahrnehmungskanälen

Ein Lerneffekt kann gesteigert werden, indem die individuell passenden Wahrnehmungskanäle angesprochen werden.

Eine der sich daraus ergebenden Typisierungen von Lernern geht auf Frederic Vester in den 70er Jahren zurück. Seine Überlegungen: Der Übergang vom Ultrakurzzeit-Gedächtnis zum Kurzzeit-Gedächtnis hängt vom Eingangskanal ab, über den der Stoff vom Lerner aufgenommen wird. Entstanden sind diese Kategorien:

Lerntyp Merkmal
optisch-visuell Der optisch-visuelle Lerntyp lernt am besten mit Grafiken oder Schautafeln, die einen Überblick geben. Vorträge ohne visuelle Unterstützung bereiten diesem Lerntyp Schwierigkeiten.
auditiv Der auditive Lerntyp lernt bevorzugt durch Zuhören und kann sich Vorträge ohne visuelle Veranschaulichung gut einprägen. Entsprechende Lerner können mit Tonaufnahmen (Kassettenprogrammen) lernen oder durch lautes Wiederholen eines gelesenen Textes. Außerdem führen sie gerne Selbstgespräche.
haptisch Der haptische Lerntyp muss den Lerngegenstand sozusagen am eigenen Leib nachvollziehen, ins-besondere durch das Anfassen eines zum Beispiel spitzen oder stumpfen Nagels.
intellektuell Der intellektuelle Lerntyp lernt am besten durch einen abstrakt-verbalen Verstehensprozess, insbesondere mit der Hilfe von Formeln.
2. Lernertypen nach dem kognitiven Umgang mit Erfahrungen

David Kolb (1985) unterscheidet vier Lernertypen in Abhängigkeit von der Sammlung und kognitiven Verarbeitung von Erfahrungen. Lernen basiert seiner Auffassung nach auf Erfahrungen und ist ein ständig fortschreitender Prozess.

Basierend auf einem Lernzirkel wird zwischen vier Lernstilen unterschieden. Zwei Lernstile geben an, wie Erfahrungen gesammelt, zwei weitere, wie die Erfahrungen anschließend verarbeitet werden.

Lerntyp Merkmal
Praktische Erfahrung Lernen als Reaktion auf gemachte Erfahrungen.
Reflektierte Beobachtung Lernen durch Beobachten und Zuhören.
Abstraktes Begreifen Lernen durch systematische und methodische Analyse und Abstrahieren.
Aktives Probieren Lernen durch Tun und dessen Ergebnisse.
3.   Lernertypen nach präferierten Lernphasen

Auch nach Honey & Mumford (1992) vollzieht sich Lernen – ähnlich dem Kolb-Modell – in vier Phasen:

  Beschreibung
Eine Erfahrung machen – die Sammlung von Daten aus Untersuchungen und persönlichen Erfahrungen,
Reflexion über diese Erfahrung nachdenken – Beobachtung und Reflexion führen zu einer Analyse der Bedeutung dieser Daten, indem man sie untersucht und analysiert,
Schlüsse aus der Erfahrung ziehen – die abstrakte Begriffsbildung erzeugt abstrakte Konzepte, Modelle und Gedankenmuster, und
Testen von Konzepten in neuen Situationen, neue Handlungen ausführen, die gewünschten Effekte maximieren und das Modell zu prüfen, weitere Schritte planen.

Weiterlesen können Sie im Buch:

LETHE – ein ganzheitliches Konzept für den systematischen Lese-Schreib-Sprechaufbau in der Sprache Deutsch unter Einbeziehung und Berücksichtigung kognitiver wie persönlicher Entwicklungen, Seiferth & Afshar, erscheint voraussichtlich Herbst 2016