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DEUTSCHUNTERRICHT IN DER KRISE

Eine Krise ist immer auch eine Chance, sich neu zu besinnen und neue Wege zu sehen, die bislang versteckt und unsichtbar waren.

Aber warum ist nun der Deutschunterricht in einer Krise? – Zunächst einmal müssen wir klarstellen: Es gibt den Deutschunterricht in den öffentlichen und privaten Schulen, der bis jetzt im Lehrplan vorsah, dass die deutsche Sprache, die mehrheitlich von den Schülern als Muttersprache gesprochen wird, jenen – den Schülern – in ihrer Geschichte, Sagen- und Märchenwelt, Literatur, ihren Kunstformen und als Instrument der Informationsvermittlung näher gebracht werde. Noch näher – namentlich dem Verstand näher. Denn da Deutsch die Sprache ist, in der sie emotional aufgewachsen sind, ist sie „automatisch“ Teil ihres Empfindens und ihrer Ausdruckswelt. In einem solchen Unterricht geht es außerdem um normative Belange: Wie werden die Inhalte gefügt, welcher Formen bedient sie sich, was steht hinter der Erscheinung der Wörter, und natürlich – wie können wir mit und in ihr wirken und bewirken? – Denn Sprechen und Schreiben ist Manipulation im weitesten Sinne.

Dann gibt es auch noch den anderen Deutschunterricht. Es ist der Unterricht, in dem Muttersprachlern anderer Sprachen Deutsch als Fremdsprache gezeigt und geschenkt wird. Das ist ein ganz anderer Unterricht als der in den Grund- und weiterführenden Schulen. Bevor hier überhaupt Literatur gelesen werden kann oder man sich um die Verwendung der Sprache in Texten verschiedener Genres bemüht, müssen die grundsätzlichen Fügungsgesetzmäßigkeiten gelernt und ein repräsentativer, sinnvoller Wortschatz aufgebaut werden.

Dies kann man vor dem Hintergrund der ersten Sprache tun – muss man aber nicht – das sind nun wirklich Methodenkleinigkeiten. Im DaF-Unterricht haben wir es in der Mehrheit der Fälle mit Erwachsenen zu tun. Was Erwachsene an kognitiven Fähigkeiten und einem höheren Abstraktionsvermögen den Kindern voraus haben, wiegt allerdings den Verlust der Flexibilität nicht auf. Kinder lernen Sprachen ungleich schneller und direkter.

Es sind also Erwachsene im Unterricht (sei es jetzt in Deutschland oder in den Heimatländern), die eine, wenn auch nicht völlig abgeschlossene, Lebenswelt mitbringen. Auf der Basis dieser Lebenswelt, der geknüpften und gewachsenen Empfindungserfahrungen sehen sie in die Welt hinein. Sie sind – ob sie es wollen oder nicht ist nicht ihre Entscheidung – voreingenommen. Die Neugier auf die neue Sprache und die Motivation zum Lernen wird mit Frustrationserlebnissen konfrontiert, es werden ganz bestimmt Blockaden auftreten, wie natürlich auch Erfolgserlebnisse – und manchmal kommt es auch zu ganz klaren Abstoßungen. Denn Sprachen sind Wesen, die in Menschen hausen.

Sprachen berühren sich in Menschen – und manche passen einfach nicht zueinander. Will sagen: Das Erlernen einer neuen Sprache in höherem Alter rüttelt am Selbstbewusstsein – im weitesten Sinne an der Identität, die sie meint, zu haben – einer Person. Je weiter dieses entwickelt ist, und die Person sich ihrer selbst bewusst ist, desto besser sind die Voraussetzungen dafür, dass die neu hinzutretende Sprache über das bloße instrumentelle Benutzen hinaus ins Empfinden eingelassen wird, ohne als Gefahr betrachtet zu werden.

Jetzt zu den Krisen.

Krise Nr. 1: An den Grundschulen viele Kinder mit Migrationshintergrund

Der Frankfurter Stadtteil Griesheim ist sozialer Brennpunkt, seit ich mich erinnern kann. Zwischen S-Bahn, Ausfallstraße und Gewerbegebiet verkommen hier langsam die ehemaligen Werkswohnungen der kleinen Bahnbeamten. Unser Schulgebäude, die Berthold-Otto-Grundschule, verfällt mit ihnen. In unseren Klassen haben wir 90 bis 100 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund. Das Deutsch dieser Kinder reicht meist kaum für ein vernünftiges Unterrichtsgespräch….

Weiterlesen können Sie das hier. Es ist alles bereits gesagt.

Nun werden besonders in der Grundschule nicht nur Lesen und Schreiben „beigebracht“, sondern – was viel wichtiger ist: Kulturfertigkeiten, die in unserer Gesellschaft wichtig sind. Es geht nicht nur darum, dass ich Lesen lerne, sondern WIE ich es dann anwende, wozu ich das Lesen verwende – denn es hat keinen Selbstzweck. Genauso mit dem Schreiben. Es schreibt nur jemand, wenn er einen Anlass hat – keine Anlässe – kein Grund, die Kunst der Verbundschrift zu lernen. 

Gruppenarbeit, individualisiertes Lernen – auch das muss Kindern erst gezeigt werden. Dergleichen kann man nicht selbstverständlich mit dem Eintritt in die Schule. In den deutschen Schulen der letzten Jahrzehnte – und man mag schimpfen und wettern – wurden doch immer noch Lernerautonomie vorgelebt und Lerntechniken gezeigt. An Selbstbestimmung herangeführte Schüler überschauen den ihnen angebotenen „Stoff“ ganz anders – und – was noch wichtiger ist: sie wachsen mit ihm gemeinsam und haben einen Bezug zu ihm. Das Gelernte gehört ihnen, hat mit ihnen zu tun.

Das Problem: Das Niveau an den Schulen sinkt. Die Gebäude verfallen zunehmend. Die Lehrer sind nicht genügend ausgerüstet und ausgebildet, mit den heterogenen Zuständen umzugehen. Quereinsteigende Lehrer werden es aber auch nicht richten können. Alle Kinder sind die Verlierer, allen voran die Begabten, die weder erkannt werden noch ihrer Begabung gemäß gefördert werden.

Krise Nr. 2: Erwachsene oder jugendliche Deutschlerner ohne Schulbildung und -abschluss

Im letzten Jahr wurden wir Zeugen – und waren auch Beteiligte darin – der notwendigen Schulabschlussprüfungen, ohne die kein Ausbildungsbeginn möglich war und somit auch kein Bleiberecht in Deutschland bestand. Doch es taten sich große Lücken auf. Die jungen Leute hatten oft nur vier oder fünf Jahre lang eine Schule besucht, etliche waren in ihren Muttersprachen nicht alphabetisiert. Viele sprachen zwar mehr als eine Sprache, aber all ihre Sprachen eher unstrukturiert, und mischten sie untereinander.

Sie brachten Fähigkeiten mit, sich zu organisieren, lernten schnell praktische Zusammenhänge, die ihnen im Leben weiterhalfen. In einem täglichen Schulunterricht zu sitzen und zu lernen – hatten sie nicht gelernt. Vielfach fehlten die Vorläuferfertigkeiten, die unseren Kindern in den Kindergärten mitgegeben werden, wie z.B. die Ausbildung der Feinmotorik (die für das Schreiben wichtig ist), oder auch das Zahlenverständnis über einen größeren Zahlenraum hinweg. Der Hauptschulunterricht ist auf Deutsch; alles Lehrmaterial, aller Stoff ist außerdem natürlich auf Jugendliche ausgerichtet, deren Erfahrungswelt Deutschland ist.

Das Problem: Den Schülern fehlen für den Sachkunde-, Mathematik-, auch für den Geschichts- und Biologieunterricht die nötigen Deutschkenntnisse, besonders der Wortschatz. Den Hauptschul- oder einen höherer Abschluss innerhalb eines Jahres zu schaffen, ist vielen Schülern schlicht nicht möglich. Lehrer wie Prüfer sind im Dilemma, die Anforderungen werden nach unten korrigiert, die Schüler sind trotzdem (und aus noch anderen Gründen) frustriert.

Krise Nr. 3: Die deutsche Sprache im Untergang

Es wird schon lange darüber geklagt, die deutsche Sprache werde untergehen. Seit den 90er Jahren. Kulturpessimismus sei das, sagen die einen und halten dagegen, dass Deutsch überall auf der Welt von jungen Menschen gelernt wird. Sie kommen in die Goethe-Institute, motiviert, Deutsch zu lernen, denn ihr Ziel ist, sich beruflich nach Deutschland zu orientieren. Das bestätigt auch Johannes Ebert, der Generalsekretär des Goethe-Instituts: Es würden zunehmend spezielle Curricula für Lehrer, für Ärzte, für Ingenieure, die die entsprechende deutsche Fachsprache lernen wollen, erarbeitet. 

„[…] die Leute wollen das. Deutschland wird als starkes und mittlerweile auch attraktives Land wahrgenommen, zumal in Staaten wie Indien, China oder Thailand. Dort gibt es einen enormen Bildungswillen – und ein Streben nach Diversifizierung. Man will eben nicht nur Englisch können. Es ist eine politische Entscheidung dortiger Regierungen, auch auf Deutsch zu setzen.“ Insgesamt lernen derzeit 207.113 Menschen im Ausland bei einem Goethe-Institut Deutsch. Rechnet man die, die unsere Sprache im Inland lernen, hinzu, erhöht sich diese Zahl auf 246.566 Deutschlernende.“ Quelle

Doch inzwischen fehlen in Deutschland die Arbeitsplätze für die Fachrichtungen, die die jungen Leute gewählt haben. Und: Deutschland wird als Niedriglohnland zunehmend unattraktiver – was nützt da die Sprache als kulturelle Bereicherung? Es kommen nach Deutschland inzwischen weniger die gut ausgebildeten Menschen, es kommen stattdessen die weniger gut ausgebildeten, die die oben genannten Sprachprobleme mitbringen.

Gleichzeitig werden an den Universitäten immer mehr Veranstaltungen (insbesondere in den Naturwissenschaften – die Geisteswissenschaften hinken noch hinterher) auf Englisch gehalten. Kongresse, auch auf deutschem Boden, werden ganz selbstverständlich auf Englisch abgehalten. Tatsächlich hat Englisch Deutsch als Wissenschaftssprache abgelöst. Nicht ohne aufkommende Irritationen, denn

„Englisch suggeriert manchmal auch Internationalität. Und kaschiert doch nur einen Etikettenschwindel. […] die Nutzung des Englischen ist oft ein falsch verstandenes Gleichheitsdenken an der falschen Stelle. Jede Sprache habe ein kulturelles Gedächtnis, das dürfe man nicht verspielen.“

Das Problem: Abnehmende Deutschkenntnisse an den Schulen, abnehmende Präsenz von Deutsch an den Hochschulen, abnehmender Bezug von Deutsch zur Lebenswelt der Sprecher, Deutsch als Kommunikationssprache im unteren Niveau, und im oberen Niveau nicht mehr von Belang. Auf diese Weise rutschen wir zwangsläufig in einen „Untergang“ hinein.

Gibt es eine Krise? Ja, es gibt sie. Sie besteht darin, dass wir dabei sind, in Sprachlosigkeit zu versinken. Da können auch Siri und Alexa nicht helfen, bzw. sind sie sogar Teil des Problems. Zeitgleich zu den bestehenden Zuständen verschwinden sowohl immer mehr die Kulturfertigkeiten, in der Gesamtheit auch als BILDUNG bezeichnet.

Den Weg aus der Krise sehe ich nicht im Offiziellen. Das staatliche Schul- und Bildungssystem ist nicht reformierbar, und wird sich den derzeitig herrschenden Gegebenheiten nicht anpassen und keine Lösung bieten können. Diese und die Vorgänge darum herum sind nachgerade Symptom der Überholtheit. Die Herausforderungen der Gegenwart sind bereits jetzt mit den Mitteln der Gegenwart nicht zu lösen.

Bevor aber nicht geklärt ist, wie wir in Zukunft mit unserer Sprache – oder auch Sprachen – und auf welchem Niveau umgehen werden, wird auf jeden Fall die Menschenbildung, die Individuation, hintenanstehen und es wird viel verloren gehen. Weil aber von Seiten des Staates keine Lösungen kommen können – was in gewisser Weise sogar ein Glück sein könnte – müssen die Menschen selbst ihre Entwicklung im Blick haben. Die Richtung können wir beeinflussen – das Resultat nicht.

Fangen wir beim Deutsch-Unterricht an. Oder auch beim Englisch-Unterricht. Die Möglichkeit, in Schulen  und bei Lehrern zu lernen, ist von hohem Wert. Die sollten wir nicht wegwerfen, indem wir die Schulen verkommen und Lehrer zusammenbrechen lassen, weil sie überfordert sind. Die Lernwilligen gehören in Schulen, die den Schülern zeigen, wie sie zu Persönlichkeiten werden, die aus der Fülle der Weltzusammenhänge und Gefüge schöpfen. Das bedeutet nämlich Freiheit, derer es bedarf, um zu leben. Eine Persönlichkeitsbildung auf Deutsch – wäre nicht die Schlechteste. 

Wenn es um diese Freiheit aber nicht mehr geht – und das es so ist, sehen wir jeden Tag – brauchen wir keine Schulen mehr; dann müssen die nächsten Generationen auch da ganz neu anfangen, mit einer Sprache, die es jetzt noch gar nicht gibt.