Schlagwort-Archive: Schreiben

LESEN UND WELTVERSTEHEN

In einem Artikel* fragt Michael Schikowski: „Warum [also] lesen wir?“ Und antwortet umgehend selbst darauf: „Weil wir im Textverstehen eben auch das Weltverstehen üben. Wer nicht zu lesen lernt, stolpert nicht allein über Texte, sondern auch durch sein Leben. Im Lesenlernen wird unsere Fähigkeit zu deuten nur weiter kultiviert und damit letztlich die Einsicht, dass die Welt mehrdeutig ist. Im Bedeutungsvollen der Texte – der Romane natürlich besonders – steckt die Möglichkeit, die Bedeutung der Welt um uns herum zu erkennen.“

Zwar ist normalerweise vom Bücherlesen oder dem Buchstaben- bzw. Wortlesen die Rede, doch ist es übergeordnetermaßen die Tätigkeit des „Deutens“, die wir meinen, so wie Schikowski es ja auch schreibt. Die Vorgänge des Lesens wie auch des Schauens sind dabei Kanäle, mittels derer wir Informationen, Stimmungen und Gefühle von außen aufnehmen.

Wir lesen in Gesichtern, wir lesen Situationen und Menschen – und dies vor dem Hintergrund unseres Weltwissens und der Informationen, über die wir bereits verfügen.

In meinen Unterricht kommt ein junger Mann, der bis vor 9 Monaten weder auf Deutsch noch in seiner Muttersprache lesen und schreiben konnte. Zum ersten Mal näherte er sich aber nun dem neuen Gebiet auf einer ihm fremden Sprache. Er lernte Silben zu schreiben, von Wörtern, die er nicht verstand. Er lernte auch, diese Wörter laut zu lesen – und zwar anhand der Struktur, die diese Wörter in sich tragen, und die wir als Lehrer ihm vorsprachen, damit er sie nachspräche. Die Bedeutung der Wörter erschloss sich ihm nicht, wenn wir sie ihm nicht beigaben. Das sagt zweierlei: Natürlich ist es möglich, den Klang, den Rhythmus und die Melodie einer Sprache zu lernen (hier eigentlich zu imitieren), ohne zu verstehen, was man da sagt. Und: die Imitation setzt die Fähigkeit voraus, dass man hören und vernehmen kann. Vor dem Deuten steht das Vernehmen-Können. Man kann auch sagen: die Wahrnehmung unterschiedlicher Phänomene, ob es nun Laute sind oder Grapheme, ist eine Voraussetzung des Artikulieren-Könnens.

Mit dem Lesen von geschriebenen Wörtern, Sätzen und Texten verhält es sich so: erst die spezielle Zusammensetzung macht die Bedeutung des Inhaltes aus. Wenn ich willkürlich irgendwelche Wörter zusammenstelle und linear anordne, ergeben sie mitnichten einen sinnvollen Satz. Einzelne – vielleicht sogar – sinnvolle Sätze aus unterschiedlichen Zusammenhängen ergeben keinen sinnvollen Text. Kongruenz ist hier nur ein Stichwort.

Kongruenzen sind jedoch unterschiedlich – von Sprache zu Sprache. Das macht Sprachen aus: sie unterscheiden sich in ihren Strukturen (sind sich nah oder sehr weit voneinander entfernt) und in ihrem Wortschatz. Die Anordnung von Wörtern in einer bestimmten Weise und mit wiedererkennbaren Übereinstimmungen zwischen ihren Elementen (die sich dann als Regeln erweisen) orientiert uns über die Sprache. Dann haben wir einen Standort ausgemacht – wir können auch uns selbst verorten.

Da der junge Mann nicht hier aufgewachsen ist, fiel es ihm ebenfalls – was die Körpersprache anging – schwer, uns Lehrer zu lesen. Eine Information, die das Auge auffängt („da lächelt jemand“) ist nicht zwangsläufig eindeutig zuzuordnen. Dazu braucht es ein Mehr an Wissen und Erfahrung. Das Lesen und Deuten verfeinert sich mit dem Maß der gemachten Erfahrungen und dem Lernen daraus.

Das „Spurenlesen“ mag ein anderes Beispiel sein. Wer gelernt hat, wie sich die Spuren der Tiere unterscheiden, kann alsbald daran gehen, zu lernen, wie sich jedes einzelne Tier unterschiedlich bewegt. Ob es schnell läuft, langsam, ob es verwundet ist, ein junges Tier oder ein älteres Tier ist. Zu lesen heißt nicht zu raten, sondern zu erschließen. 

Je mehr wir bereits gelesen und unser Reservoir an Wissen erweitert und die Informationen darin verknüpft haben, desto besser können wir auch aus dem Fehlenden auf dieses Fehlende schließen. Während wir lesen, stellen wir alsdann Annahmen darüber an, wie wohl der Schluss sein wird. Wir schlussfolgern im Leseprozess.

Unserem jungen Mann fehlt (er hat natürlich ein Erfahrungswissen, das er sich auf anderen Kanälen angeeignet hat) ein Weltwissen, wie wir es uns seit der Grundschule ständig über die Welt beschaffen können, indem wir über Dinge lesen, die mit unserem unmittelbaren Umfeld nicht viel zu tun haben müssen. Wir können über uns selbst hinausgehen.  

Lesen und Deuten heißt nicht, dass alles immer EINE einzige Bedeutung hat. Das Gelesene kann mehrdeutig sein – und Texte (bzw. ihre Verfasser) provozieren dies ja auch bisweilen geradezu. Sie spielen mit der Mehrdeutigkeit und rufen damit unsere Phantasie auf den Plan.

Wer nicht lesen gelernt hat, folglich weder etwas außerhalb seiner selbst erschließen noch schlussfolgern kann und mit der Gefahr (oder Chance) der Mehrdeutigkeit nicht zurecht kommt – erlaubt sich keine Phantasie. An ihm gehen Romane, Erzählungen, Lyrik und noch andere Texte vorbei, aus denen aber wiederum soviel über das Leben und die Welt zu entnehmen sind.

Inzwischen lese ich mit dem Jungen (noch kurze) Texte auf Deutsch. Er hält das Verstehen aus, aber besonders das Nicht-Verstehen. Inzwischen hat er begriffen, dass die Anwendung der Fertigkeit Lesen bedeutet: ich knüpfe Neues an bereits Gelerntes an. Auch klappt es immer besser, wenn wir an Texten einen Perspektivwechsel vornehmen, von Anfängen auf Schlussszenen schließen. Ich finde, er ist mit der neuen Fertigkeit „Lesen“, die noch weiter verfeinert werden muss, gut ausgestattet, nicht weiter nur durch sein Leben zu stolpern. Er muss nicht mehr einfach nur imitieren – er hat Handlungsspielraum  – und Deutungsspielraum gewonnen. Darin liegt eine der großen Freiheiten und Herausforderungen des Lebens.

*Hier gibt es den Artikel.

VERBUNDSCHRIFT ODER DRUCKSCHRIFT?

Immer wieder stelle ich fest, wie schreibfaul die Schüler und Studenten geworden sind. Bei vielen ist die Stifthaltung katastrophal; sie fassen den Kuli oder Bleistift an, als sei er zu heiß oder stachelig. Die Buchstaben sitzen nicht auf der Linie, sondern tröpfeln hierhin und dahin, Wortgrenzen verschwinden, es rücken Silben auseinander, die zusammengeschrieben gehören, weil sie den Sinn erst ergeben.

Schreiben auf Papier und mit der Hand fördert das fließende Denken, wer nur noch einzelne Buchstaben aufs Papier oder in die Tastatur klopft, denkt abgehackt und nicht flüssig. Übertrieben? Ich denke nicht.

„Wenn wir mit der Hand schreiben, wird ein spezieller Bereich im Gehirn automatisch aktiviert.“ Stanislas Dehaene, Psychologe am Collège de France in Paris.

Nicht erst französische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass beim Schreiben und Lesen das motorische Gedächtnis aktiv wird. Indem wir schreiben, fühlen wir gewissermaßen die Buchstaben und das Gehirn »schreibt« sie mit.
Das deutsche Wort „begreifen“ ist sehr anschaulich: ich nehme etwas in die Hand, greife danach – und verstehe es sodann.
Es sind die fein- und mikromotorischen Bewegungen, die sich in der Gehirnrinde eingraben. Wer per Hand schreibt, kann das Alphabet besser behalten, kann überhaupt besser memorieren. Kinder, die nicht per Hand schreiben lernen, sondern gleich am Computer tippen, geraten gegenüber den Handschreibern deshalb ins Hintertreffen, weil sie nicht nur beim Schreiben nicht, sondern auch beim Lesen die Buchstaben einzeln lesen und nicht zu Lautgefügen zusammensetzen. Dieselbe Erfahrungen hat man übrigens bei Versuchen mit Erwachsenen gemacht.
Eine meiner Deutsch-als-Fremdsprache-Schülerinnen hat 20 Jahre lang ungesteuert Deutsch gelernt und gesprochen. Wenn sie heute ein neues Wort schreibt, buchstabiert sie es auf Polnisch und setzt die deutschen Wörter dann mit polnischer Lautung zusammen. Sie hat nie wirklich auf Deutsch schreiben gelernt, und inzwischen weiß ich, dass sie auch in ihrer Muttersprache eine funktionale Analphabetin ist.
Jetzt lasse ich sie im Deutschunterricht häufiger als ohnehin schon mit der Hand schreiben und lautieren – mit Anzeige der Silbenbögen und mit den Buchstabenansätzen einer Schreibschrift, die erlaubt, dass nicht ständig abgesetzt wird. So kommt sie hoffentlich in Fluss.
Schreiben ist nur so lange anstrengend, wie es nicht automatisiert ist. Wenn wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, wo wir ansetzen müssen, um das „a“ oder die Verbindung von „ch“ zu schreiben, wenn wir dies automatisch machen, wird es sehr einfach!  Dann haben wir Kapazitäten in unserem Gehirn frei für kritische Situationen, z.B. wenn wir nicht sicher sind, wie dieses Wort geschrieben sind. Je eher Kinder „blind“ schreiben können, also alle Bewegungen, die zum Schreiben gehören, automatisiert haben, müssen sie nicht mehr darüber nachdenken, wie die Bewegung die Form auf dem Papier erzeugt, sondern können besser zuhören und sich darauf konzentrieren, welche Form auf das Papier soll, also welches Wort in der richtigen Schreibweise.
Wer eine gute Handmotorik ausgeprägt hat und auch leserlich schreiben kann – der muss am Computer und auf der Tastatur nicht unbedingt das 10-Finger-System beherrschen. (Das tue ich mitnichten, bin aber auch nicht das Modell. ) Das Schreiben am Computer folgt anderen Gesetzen, die an dieser Stelle nicht weiterführend beschrieben seien.
Notizen-600x399
Beim Betrachten unserer erwachsenen Handschriften fällt auf, dass wir nur an fast immer gleichen Stellen anbinden oder absetzen, d.h. wir haben gelernt, effizient zu schreiben, haben uns einen optimalen Bewegungsablauf angewöhnt. Anbindungen zwischen manchen Buchstaben sind einfach nicht ökonomisch und verlangsamen dann unser Schreibtempo. Es ist eben nicht egal, welche Buchstaben zusammengezogen oder tatsächlich getrennt geschrieben werden.
Als ich die persisch-arabische Schrift lernte, fiel mir diese wichtige Tatsache der Verbindbarkeit, die mir als Schulkind beim Erlernen der lateinischen Schrift entgangen war, auf: im arabischen Alphabet gibt es Buchstaben, die nach rechts und links verbunden werden können. Es gibt aber auch Buchstaben, die ganz alleine stehen müssen und solche, die immer am Ende einer Silbe stehen, und nicht nach links verbunden werden können (Persisch schreibt man von rechts nach links). Eine Druckschrift wie im Lateinischen – in der die Buchstaben vereinzelt werden und voneinander getrennt stehen – gibt es im persisch-arabischen Schreiben nicht. Sollte das nachdenklich machen?
persisch
Die Entwicklung einer flüssigen und formschönen, aber gleichzeitig auch unverkrampften und automatisierten Schrift, wäre ein Ziel, oder? Wenn der erste Schritt des Schreibenlernens bewältigt ist, tritt außerdem noch ein nächstes – natürlich bekanntes – Phänomen auf: unsere Handschrift wird zum Ausdruck unserer Persönlichkeit.