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LERNEN, GEDÄCHTNIS, LERNTYPEN

Wie lernen wir eigentlich?  Was passiert da? Was ist das Gedächtnis?- Menschen besitzen nicht nur ein Gedächtnis, sondern drei. Alle drei sind beteiligt, wenn wir etwas lernen:

  • Ultra-Kurzzeitgedächtnis
  • Kurzzeitgedächtnis (oder Arbeitsspeicher)
  • Langzeitgedächtnis
GehirnFremdsprachen
Quelle: © Spektrum der Wissenschaft / Meganim / Buske-Grafik (Ausschnitt)
Aufnahme von Gehörtem und Gesehenem

Das Ultra-Kurzzeit-Gedächtnis (UKG) nimmt – vornehmlich die visuellen und auditiven – Sinneseindrücke auf. Es wird deshalb das sensorische Gedächtnis genannt. Das UKG kann für einen Zeitraum von wenigen Sekunden eine große Menge Informationen aufnehmen. Die auditiven Wahrnehmungen verweilen am längsten im Speicher, der größte Teil der aufgenommenen Information wird sofort wieder gelöscht.

Selektion des Gesehenen und Gehörten

Informationen, die uns am interessantesten scheinen und denen wir am meisten Aufmerksamkeit schenken, werden in den Arbeitsspeicher aufgenommen. Seine Aufnahmekapazität beträgt etwa 7 Objekte (Chunks). Informationen, die uns sinnlos oder unwichtig erscheinen, vergessen wir.
Die Speicherdauer im Kurzzeitgedächtnis beträgt bei nur einmaliger Einspeicherung ca. 6 bis max. 20 Sekunden. Wollen wir den gesamten Inhalt länger behalten, müssen wir ihn im Geiste wiederholen.

Speicherung

Wichtige oder interessante Informationen jedoch gehen in das Langzeitgedächtnis ein. Sind sie einmal dorthin gelangt, werden sie so schnell nicht mehr vergessen. Der Speicherplatz des Langzeitgedächtnisses ist nach heutigem Wissen unbegrenzt, ebenso wie die Speicherdauer. Es kann wohl sein, dass man sich nicht mehr an einmal im Langzeitgedächtnis abgelegte Inhalte erinnern kann, gleichwohl ist der Inhalt noch vorhanden; allein der Zugang zur Information ist versperrt.

Die Kunst des Lernens und Behaltens besteht also darin, das, was gelernt werden soll, von der Aufnahme über die Selektion in den Langzeitspeicher zu transferieren.

Gedächtnisdauer nach John Eccles (1903-1997)

gedaechtnisdauer

Gutes und vor allem langfristiges Lernen hängt von mindestens drei Faktoren ab: Lerner müssen motiviert sein, sich wirklich mit dem Stoff zu beschäftigen. Lehrer müssen den Unterricht so gestalten, dass sinnvolles Lernen möglich ist. Und der Lehrplan muss neben der notwendigen Bildung auch Platz für Eigeninteresse und genug Lernzeit bieten.

Die nötige intrinsische Motivation vorausgesetzt, und auch vorausgesetzt, dass der Lehrer seinen Unterricht interessant und versiert gestalten kann, und auch vorausgesetzt, dass genügend Zeit da ist, um sich mit dem Stoff – in unserem Fall einer Sprache – auseinanderzusetzen, lernen Menschen UNTERSCHIEDLICH.

Worin diese Unterschiedlichkeit besteht und wie der Lerninhalt unterschiedlich gesichert gesichert und der Lerneffekt (verstanden als Übertragung zwischen den beiden Gedächtnissen Kurzzeit und Langzeit) gesteigert werden kann, war und ist der Gegenstand etlicher Lernforscher. Hier stellen wir einige vor.

1.   Lernertypen nach Wahrnehmungskanälen

Ein Lerneffekt kann gesteigert werden, indem die individuell passenden Wahrnehmungskanäle angesprochen werden.

Eine der sich daraus ergebenden Typisierungen von Lernern geht auf Frederic Vester in den 70er Jahren zurück. Seine Überlegungen: Der Übergang vom Ultrakurzzeit-Gedächtnis zum Kurzzeit-Gedächtnis hängt vom Eingangskanal ab, über den der Stoff vom Lerner aufgenommen wird. Entstanden sind diese Kategorien:

Lerntyp Merkmal
optisch-visuell Der optisch-visuelle Lerntyp lernt am besten mit Grafiken oder Schautafeln, die einen Überblick geben. Vorträge ohne visuelle Unterstützung bereiten diesem Lerntyp Schwierigkeiten.
auditiv Der auditive Lerntyp lernt bevorzugt durch Zuhören und kann sich Vorträge ohne visuelle Veranschaulichung gut einprägen. Entsprechende Lerner können mit Tonaufnahmen (Kassettenprogrammen) lernen oder durch lautes Wiederholen eines gelesenen Textes. Außerdem führen sie gerne Selbstgespräche.
haptisch Der haptische Lerntyp muss den Lerngegenstand sozusagen am eigenen Leib nachvollziehen, ins-besondere durch das Anfassen eines zum Beispiel spitzen oder stumpfen Nagels.
intellektuell Der intellektuelle Lerntyp lernt am besten durch einen abstrakt-verbalen Verstehensprozess, insbesondere mit der Hilfe von Formeln.
2. Lernertypen nach dem kognitiven Umgang mit Erfahrungen

David Kolb (1985) unterscheidet vier Lernertypen in Abhängigkeit von der Sammlung und kognitiven Verarbeitung von Erfahrungen. Lernen basiert seiner Auffassung nach auf Erfahrungen und ist ein ständig fortschreitender Prozess.

Basierend auf einem Lernzirkel wird zwischen vier Lernstilen unterschieden. Zwei Lernstile geben an, wie Erfahrungen gesammelt, zwei weitere, wie die Erfahrungen anschließend verarbeitet werden.

Lerntyp Merkmal
Praktische Erfahrung Lernen als Reaktion auf gemachte Erfahrungen.
Reflektierte Beobachtung Lernen durch Beobachten und Zuhören.
Abstraktes Begreifen Lernen durch systematische und methodische Analyse und Abstrahieren.
Aktives Probieren Lernen durch Tun und dessen Ergebnisse.
3.   Lernertypen nach präferierten Lernphasen

Auch nach Honey & Mumford (1992) vollzieht sich Lernen – ähnlich dem Kolb-Modell – in vier Phasen:

  Beschreibung
Eine Erfahrung machen – die Sammlung von Daten aus Untersuchungen und persönlichen Erfahrungen,
Reflexion über diese Erfahrung nachdenken – Beobachtung und Reflexion führen zu einer Analyse der Bedeutung dieser Daten, indem man sie untersucht und analysiert,
Schlüsse aus der Erfahrung ziehen – die abstrakte Begriffsbildung erzeugt abstrakte Konzepte, Modelle und Gedankenmuster, und
Testen von Konzepten in neuen Situationen, neue Handlungen ausführen, die gewünschten Effekte maximieren und das Modell zu prüfen, weitere Schritte planen.

Weiterlesen können Sie im Buch:

LETHE – ein ganzheitliches Konzept für den systematischen Lese-Schreib-Sprechaufbau in der Sprache Deutsch unter Einbeziehung und Berücksichtigung kognitiver wie persönlicher Entwicklungen, Seiferth & Afshar, erscheint voraussichtlich Herbst 2016