Schlagwort-Archive: Lehrende

DIE PERSÖNLICHKEIT DES LEHRERS

Persönlich-individueller Kontext 

Ob die Bezeichnung Sprachbegleiter, Lehrer oder Lehrender lautet – jemand, der etwas vermittelt, muss seinen Stoff beherrschen, wie bereits in den letzten Abschnitten deutlich geworden sein sollte. Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen sind ebenso wichtig wie eine gereifte und vorbildhafte Lebensführung  in halbwegs gesicherten Verhältnissen. Warum das so ist? – Gegenfrage. Wie soll jemand, der selbst mit Problemen und Unordnung in seinem Leben zu kämpfen hat, sich auf Lerner einlassen können?

Meine Kollegen sind bisweilen erstaunt, wie ich meinen Auftritt als öffentliche Person „Lehrerin“ gestalte: Ja, manchmal ist es ein Auftritt, bei dem u.a. Kleidung, Farben oder Körpersprache mitnichten eine untergeordnete Rolle spielen. Es ist kein Auftritt, bei dem ich in eine völlig fremde Rolle schlüpfe, sondern einer, bei dem ich meine Identität, meine Eigenart (derer ich mir bewusst bin) einsetze und unterstreiche, um in den Schülern den Wunsch zu wecken, mehr wissen zu wollen. Stimmigkeit weckt Vertrauen, und das ist wichtig im Lehrer-Schüler-Verhältnis.

Jeder Lehrer muss sich weitergehend fragen, ob seine Lebenseinstellung positiv ist oder ob er sich sinnsuchend aus einem Wunsch, im eigenen Leben Fehlendes auszufüllen, heraus um andere kümmert. Nichts wäre verständlicher, wäre aber auch gerade als Lehrer den Schülern gegenüber unverantwortlich.

Es kommt nicht selten vor, dass der Lehrer (vor dem Hintergrund eigener unklarer Lebensverhältnisse) in gewisser Weise auf die Akzeptanz der Schüler abgewiesen ist. Sobald er jedoch für seinen eigenen Werdegang von dem Erfolg der Schüler profitiert, davon abhängig wird und dies auch instrumentalisiert, wird er  nur noch bedingt den Schülern und der Sache gerecht werden können.

In ganz entscheidender Hinsicht muss ein Lehrer sich hintenan stellen und demütig sein können. Idealerweise muss ein Lehrer kritikfähig und lernwillig sein, er muss sogar gegen den Strom schwimmen können, zum Guten der Ausbildung seiner Schüler eben auch einmal Methoden anwenden, die unkonventionell und ungewöhnlich und von anderen Schulen vielleicht nicht bedingungslos akzeptiert sind.

Öffentlich-kultureller Kontext

In einem größeren Rahmen müssen auch unsere gesellschaftlichen, ja, auch die religiösen Prägungen reflektiert werden. Diese gehen über unser Persönliches hinaus, werden uns aber erst im Kontakt mit Fremden und dem Fremden wieder bewusst.

Kommunikationskultur

Ein sehr oft unterschätzter Fakt ist unsere jeweilige Kommunikationskultur. Es gibt die sogenannte implizite und die explizite: nur 4 % der Weltbevölkerung haben eine Gesprächskultur mit einem hohen Grad an Explizitheit und Direktheit entwickelt. „Low context“ heißt sie und bedeutet: Wir sprechen die Dinge klar und deutlich aus. In Nordamerika (USA, Kanada), Deutschland, der Schweiz, in Skandinavien besagt die „Vertragskultur“, dass wir wenig außersprachlichen Kontext wie Rituale oder Zeremonien oder nonverbale Signale brauchen, um uns über etwas zu verständigen.

In etwa 96% der Weltbevölkerung dagegen (Asien, Afrika, Südamerika, Südeuropa) herrscht die andere Kultur vor: sie braucht einen hohen Grad an Kontext, die Direktheit sinkt, man spricht implizit. Vertrauenskultur wird sie genannt – und ein unreflektiertes Zusammentreffen beider Kommunikationskulturen kann zu schweren Irritationen führen.

Bei der Sprachvermittlung wird eben nicht nur Sprache vermittelt, sondern auch die Kulturtechnik, derer wir uns in diesem Sprachraum bedienen. Es muss also überlegt werden – und dies auch von Anbeginn des Unterrichts an – wie wir den Sprachlernern zeigen, dass man hier direkter und sehr ausführlich und auch ehrlicher im Sinne von maximaler Authentizität ist, diese quasi voraussetzt, und nicht erst darauf wartet und darauf baut, dass sich ein Vertrauensverhältnis aus anderen Gründen als aufgrund dieses Wertes bildet.

Raum und Distanz

Ein weiterer, oft unterschätzter, Faktor ist das unterschiedliche Verständnis von Raum und Distanz, die Menschen (und dann nochmals unterschieden nach Geschlechtern) sich gegenseitig einräumen. Natürlich müssen Lehrende um dergleichen wissen! In meiner langjährigen Arbeit mit Iranern ist mir bereits zu Anfang aufgefallen, wie weit die z.B. Norddeutsche voneinander entfernt stehen, wenn sie sich unterhalten – Iraner hingegen sich immer wieder berühren. Sie tun dies mit kurzen Berührungen am Arm, man steht näher beieinander etc. Wenn man weiter voneinander entfernt steht, spricht man lauter…, was von vielen der Nähe-Kulturen als unhöflich gewertet wird. Schon allein mit diesen Proxemik-Gewohnheiten entscheiden sich Sympathie und Antipathie und auch der gegenseitige Respekt. Bestenfalls passiert bei einem Verstoß nichts, schlimmstenfalls kann es zu körperlicher Gewalt kommen.

Arbeitsorganisation

Eine Arbeitsorganisation kann monochron oder polychron aussehen – der Fokus liegt darauf, ob man konzentriert oder ablenkbar ist. Monochron  bedeutet dabei allgemein das Aufstellen und Einhalten von Arbeitsplänen, die geplante Abfolge von Arbeitsschritten, die Trennung von Beruflichem und Privatem. Polychron ist jemand, der mehrere Arbeitsschritte parallel abarbeiten kann. Auch Berufliches und Privates sind weniger scharf getrennt.

Ein Lehrer, auch wenn er seinen Stoff noch so gut vermitteln kann, dessen Konzept noch so gut und hieb- und stichfest ist, muss miteinbeziehen, dass er ganz anderes Arbeiten gewohnt ist als sein Schüler bzw. seine Gruppe. Ähnlich wie bei der sprachlichen Kontrastivistik wird er beim Wissen um die Unterschiede viel eher Rückschlüsse auf Problemquellen ziehen können. Neben Sprache wird ein Lehrer immer auch Arbeitsgewohnheiten und Abläufe vermitteln.

Individualismus und Kollektiv

Als nächster Faktor (unter noch etlichen anderen, die hier nicht weiter aufgeführt werden) muss noch der Unterschied zwischen dem bei uns „praktizierten“ Individualismus und dem Kollektivismus anderer Länder, der Ich- oder Wir-Orientierung, erwähnt werden. Die Durchsetzung eigener Interessen und Ziele bzw. die Unterordnung unter die Interessen und das Wohl einer Gemeinschaft beeinflussen unser selbstbestimmtes oder angeleitetes Handeln. Die Erwartungen an die Mitglieder einer Gruppe wie auch an die Einzelmenschen sind unterschiedlich; die Unfähigkeit, die jeweiligen Erwartungen der noch fremden Kultur erfüllen zu können, kann und wird Irritationen hervorrufen. Es ist am Lehrenden, diese Hintergründe zu kennen. Es gehört zu seiner Aufgabe, sie zu „managen“. Dazu bedarf es einer gut geschulten und reflektierten Kommunikation.

 

Weiterlesen im Buch:

LETHE – ein ganzheitliches Konzept für den systematischen Lese-Schreib-Sprechaufbau in der Sprache Deutsch unter Einbeziehung und Berücksichtigung kognitiver wie persönlicher Entwicklungen, Seiferth & Afshar, erscheint voraussichtlich 2016