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BRAUCHEN WIR RATSCHLÄGE ZUR MEHRSPRACHIGEN KINDERERZIEHUNG?

Ausgangslage

Immer mehr Kinder kommen sehr früh in Kontakt mit einer zweiten oder gar dritten Sprache zusätzlich zur Herkunftssprache ihrer Eltern – sei es im Kindergarten oder in der Schule – und die Vielfältigkeit der Fremdsprachen wird zukünftig einen immer größeren Stellenwert in der Menschengemeinschaft Deutschlands einnehmen. Mehr Kinder und Jugendliche als je zuvor werden auch in mindestens zwei Sprachen innerhalb ihrer Familien kommunizieren.

Dass die Beherrschung mehrerer Sprachen ein Gewinn für jeden einzelnen Sprecher, aber auch für die Gemeinschaft ist, kann niemand abstreiten. Die Frage ist: Wie aber sieht es mit dem Grad der Beherrschung tatsächlich aus? Welche der Sprachen ist die dominantere? Sind die Kinder balanciert zweisprachig oder sehr unbalanciert?

Diese Frage beschäftigt vor allem Eltern, die bewusst und verantwortlich mit der Bildung ihrer Kinder umgehen. Sie beschäftigt aber auch Lehrer aus ganz zwingenden Gründen.

Ein Blick in die jüngere Geschichte

Die Gastarbeiter der ersten Generation haben in den 60er Jahren kaum strukturierten Unterricht erhalten. Sie haben Deutsch ungeregelt auf der Straße und auf der Arbeit gelernt. Die Familien blieben in ihren Diasporen und tauschten sich sprachlich wenig – auch nicht mit den anderen Nationalitäten – aus. Ihr Deutsch blieb rudimentär, mehr noch: es fossilierte und war danach keiner Korrektur mehr zugänglich.

Die Kinder der ersten und zweiten Generation kamen hier in die Schulen und lernten Deutsch als zweite Sprache – im Kindergartenalter. Es gibt ein prägendes Alter, ab wann man von einem simultanen und ab wann von einem sukzessiven Bilingualismus spricht. Diese Kinder hatten potentiell die Chance, mit zwei Sprachen aufzuwachsen, doch sind es soziale Faktoren gewesen, die dies erschwert haben. 

Stand der offiziellen Dinge 

Mit den vielen verschiedenen Sprachen aus verschiedenen Herkunftsländern ist es sehr schwierig geworden, einen inhaltsbezogenen Unterricht zu leisten. Was kann man bei den Kindern voraussetzen?

Ein Unterricht in der Sprache, die sie zuhause sprechen, geht nicht (es sind zu viele verschiedene Sprachen, alles würde zersplittern – abgesehen davon, dass es an Lehrern mangelt) und ein Verständnis der deutschen bzw. hiesigen Lehrer für jede einzelne Ausgangssprache kann auch nicht vorausgesetzt werden.

Damit liegen zwei Verwerfungslinien vor: Die Kinder bringen von Zuhause eine Mutter- und eine Vatersprache mit … Die Lehrer stehen einer Sprachenvielfalt gegenüber und kommen im Unterricht mit der Sprache Deutsch nicht weiter.

Eltern zwischen den Sprachen

Es besteht große Verunsicherung bei den Eltern, wie sie nun in der sich ständig ausweitenden Vermischung mit den Kindern und den Sprachen umgehen sollen. Eine staatliche Richtlinie gibt es nicht, es sei denn die, dass gebetsmühlenartig Integration gefordert wird, und die deutsche Sprache der Dreh- und Angelpunkt ist. Eine der Fragen: Was können wir tun, damit unsere Kinder mit der Mehrsprachigkeit nicht ins Hintertreffen geraten?

Bringen Sie uns Ihre Fragen! 2018 wird es einen regelmäßigen Nachmittag zur „zwei- und mehrsprachigen Erziehung“ geben. Dort werden wir die Fragen bündeln und Lösungen mit Ihnen zusammen suchen.

 

DIGITALE MEDIEN UND LETHE

„Wann gibt es eine LETHE-App zum schnellen Deutschlernen?“ werden wir verschiedentlich gefragt. Und: „Warum verwendet LETHE keine Computer im Unterricht? Haltet ihr nichts von den digitalen Medien?“ Die erste Frage beantworten wir mit „Nicht in absehbarer Zeit, eigentlich eher ‚Gar nicht‘.“ Warum das so ist, werde ich weiter unten erklären. Auch der zweiten Frage werden wir eine Erklärung widmen.

Natürlich arbeiten wir mit Computern, nutzen das Internet oder die sozialen Medien und stellen Videos online. Wir wissen sehr genau, wie wir mit den verschiedenen Medien umgehen müssen und wie sie uns unterstützen können.

Aber… Es gibt Grenzen. Hier zeige ich einige auf.

Wer am Tablet auf einem Display mit einer virtuellen Tastatur oder oder am Laptop mit einer richtigen Tastatur schreiben will – muss bereits schreiben können.

Wenn wir den Kindern in der Grundschule zum Schreiberwerb statt den Gebrauch der Hände mit einem Stift auf Papier die Benutzung der Tastatur zeigen, erschweren wir mehr als wir erleichtern. Vor allen Dingen bringen wir ihnen nicht die Fertigkeit bei, die wir glauben, ihnen beizubringen.

Die Fertigkeit „Schreiben“ – so denken nicht nur wir bei LETHE – lernt man nicht über das Drücken von Buchstabentasten, die übrigens einer Anordnung folgen, deren Entstehen auf das Zehn-Finger-Schreibmaschinen-System zurückgeht. Die Eingabe von Wörtern in SMS (den Zahlen 1-9 sind die Buchstaben in 3-er-Clustern zugeordnet) oder in anderen Kurznachrichtendiensten ist kein Schreiben, sondern ein Tippen in isolierten Graphemen oder allenfalls das Streichen und Verbinden dieser Grapheme. Aber selbst solches Tippschreiben oder Zusammen“wischen“ setzt voraus, dass der Schreiber das Wort im Kopf abgebildet vorrätig hat. Die orthographische Umsetzung ist dann gewährleistet, wenn die Wörter sprach-adäquat lautiert und außerdem die Verschriftungskonventionen bekannt sind. 

Beim Tipp-Schreiben auf Handys besteht die Tendenz mit den Daumen zu „schreiben“, bei den smarten Geräten sieht man oft, dass die Leute mit typischen Handbewegungen über den Touchscreen streichen. (Sie mögen jetzt einwenden, dass man auch mit dem Stift auf den modernen Tablet-Computern schreiben kann – also doch wieder mit der Hand. Der Einwand ist berechtigt. Ich kümmere mich darum.) Wenn auch die Bedienung des Gerätes mindestens so automatisiert ist wie das Schreiben per Hand – sind doch die Produktion des Textes und der entstandene Text anderes.

Dazu mache man sich bewusst: Zum Einen setzen sich unsere Wörter im Schriftbild aus Buchstaben, die in einem Set aus Zeichen (Graphemen) dargestellt werden, zusammen. Die Zuordnung von geschriebenem Zeichen zu gesprochenem, lautiertem Laut ist (im Deutschen nicht und auch in anderen Sprachen) kein 1:1-Verhältnis. Das macht ja gerade das Schreiben so schwierig!

Zum Anderen sind Wörter und Sätze mittels Luft-Modulation hervorgebrachte Laute. Babys, die sprechen lernen, lautieren – d.h. sie produzieren Laute, die (noch) keine Bedeutung haben. Babys lernen, ihre Sprechwerkzeuge zu benutzen und üben sie. Ihren Lauten geben zunächst die Erwachsenen die Bedeutung, während das Kind gleichzeitig immer weiter Laute imitiert, die es in seiner Umgebung hört. Der Erwerb von komplexen Lauten mit Bedeutungen geht einher mit der Interpretation der Bezugspersonen, ihrer Korrektur und der stetigen Ausbildung des kindlichen Sprechapparates.

Das Kind lernt innerhalb weniger Monate Laute (Phone) zu Silben zu kombinieren. Es lernt, dass diese Kombinationen ganz bestimmte und unterschiedliche Wirkungen haben. So erwirbt es das Lautinventar einer (oder im Falle von zwei/drei Sprachen in seiner Umgebung zweier/dreier) Sprachen, und damit auch eins oder mehrere Register an Wörtern, die zu Begriffen und zu ihrem Wortschatz werden. Von ihren menschlichen, sprachlichen Vorbildern lernen sie den Rhythmus, die Melodie, die Tonlage der Sprache. Sie wachsen mit der Sprache zusammen.

Dringen wir weiter ins Innere der Wissenschaft von Sprache und von Lauten hin zu Phonemen ein. Laute stellen eine Vorstufe des Sprechens dar, ihnen wohnt weder eine Segmentierung noch eine Grenze inne. Kinder (und auch Erwachsene) haben Spaß daran, ihre Stimme zu üben, indem sie trällern, vokalisieren, „Geräusche“ machen… Streng genommen fängt Sprache erst dort an, wo Segmente unterschieden werden können. Im Fluss der Laute ist ein System erkennbar.

Wenn wir das Wort ‚Unterhaltung‘ sprechen, sprechen wir es so: un – ter – hal – tung. Wir zerlegen das Wort in kleinere Einheiten, die unterschiedliche Längen aufweisen. Unser Wort besteht aus 4 unterschiedlich langen Silben. Typischerweise wird eine Silbe in einem Atemzug vokalisiert. Die Silben wiederum bestehen aus Phonemen:

un: u + n

ter: t + e + r

usw.

Ein Phonem wird von Linguisten als die ‚kleinste funktionsunterscheidende Einheit‘ in einer Sprache bezeichnet und ist weder inhaltstragend noch bedeutungsunterscheidend. In der Kombination miteinander erst werden einzelne Phoneme zu sinntragenden Morphemen, die die ‚kleinsten lautlichen oder graphischen Einheit mit einer Bedeutung oder grammatischen Funktion‘ bedeuten. Morpheme wiederum sind Bestandteile von Wörtern – manchmal sind sie sogar das Wort selbst. Sprachen bestehen aus diesen an Bedeutung oder grammatischer Funktion konstanten Morphemen.

Die Sprechsilben sind allerdings nicht in jedem Fall mit Morphemen (Sprachsilben) identisch, doch diese sprachwissenschaftliche Genauigkeit mag uns im Moment egal sein. Wichtig ist: das Zerlegen von Wörtern in Morpheme oder Silben und das Zusammenfügen derselben hat sehr viel mit dem Verständnis von Sprache zu tun.

Wir sind uns einig: Sprechen ist anderes als Schreiben. Und wir sind uns auch einig: Sprechen lernen wir, indem wir sprechen und unsere Werkzeuge – wie oben gesehen – dafür trainieren. Schreiben lernen wir, indem wir schreiben und die dafür üblichen Werkzeuge verwenden. Jahrhundertelang hat sich die Hand mit dem opponierbaren Daumen bewährt. Als der Mensch sich aufrichtete und die Hände frei wurden, um noch mehr zu begreifen, entwickelte sich sein Gehirn. Das ist eine längere Erfolgsgeschichte, die ich abkürze:

Wenn wir mit der Hand z.B. Buchstaben nachzeichnen, werden in unserem Gehirn drei verschiedene Regionen, die mit dem Lernen von Lesen und Schreiben in Verbindung stehen, aktiviert. Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Regionen viel weniger aktiviert sind, wenn wir den Buchstaben lediglich eintippen oder auf ihn zeigen. Daraus schlossen die Untersucher: Kinder lernen intensiver durch Schreiben als durch Tippen oder Zeigen. 

Neurowissenschaftliche Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) zeigen darüber hinaus, dass das Erkennen von Buchstaben, die durch Schreiben mit einem Stift gelernt wurden, zu einer verstärkten Aktivität in motorischen Hirnregionen führt (9, 10). Bei Buchstaben, die mittels Tastatureingabe gelernt wurden, war dies nicht der Fall. Daraus lässt sich schließen, dass nur das Formen von Buchstaben mit einem Stift motorische Gedächtnisspuren anlegt, die bei der Wahrnehmung von Buchstaben aktiviert werden und das Erkennen des Buchstabens in seinem visuellen Erscheinungsbild erleichtern.

Quelle: Lesen und Schreiben, M. Spitzer, in: Nervenheilkunde, November 2012

Jetzt stelle man sich außerdem vor: wir schreiben ja nicht einzelne Laute auf (tun die Kinder aber, wenn sie in der Schule nurmehr die Druckschrift, nicht aber die Verbundschrift lernen), sondern wir schreiben Silbengebilde, die den Bau der Sprache in sich tragen und sie ausmachen. Das lineare Hintereinandertippen von einzelnen Buchstaben hat wenig mit der Sprache, der die schließlich zusammengesetzten Wörter angehören, zu tun. Vielleicht halten Sie dies für unwesentlich, weil am Ende das Ergebnis zählt. Doch was ist dieses Ergebnis? 

u – n – t – e – r – h – a – l – t – u – n – g

Das Wort ist zwar richtig eingetippt, die Schreibung ist korrekt (bis auf den Anfangsbuchstaben). Was in uns spricht und schwingt mit?

Von der Hand in den Kopf – genau das ist die Reihenfolge. Nun kann man Sprachen, wenn man sie denn lernen will oder muss, nicht anfassen. Wie machen wir in einem Unterricht Sprache begreifbar und damit körperlich erfahrbar? Sicher nicht mittels der Verwendung von Computern, mit denen wir rein visuell-intellektuell Regeln lesen oder Lückentexte oder auditiv Hörtexte konsumieren. Der Einsatz dieser Medien ist ein Mittel unter vielen, nicht Zweck. Inzwischen brauchen wir zunehmend noch nicht einmal mehr Computer, sondern Geräte, die uns den Zugang zum Internet und zur Cloud, auf der alle Informationen lagern, verschaffen und gewährleisten.

Sie helfen nicht beim Lernen. Unser Gehirn und sein großer Mentor – die Hand – sind weit entwickelt, aber jetzt hinken sie hinterher. Mit der Geschwindigkeit der modernen Datenverarbeitung, vor allen Dingen mit der Menge und der Frequenz kommen wir nicht mehr mit. 

Wir müssen Sprache begreifbar machen – und das können wir auch. Schreiben mit der Hand ist das Eine. Dazu müssen wir die Graphomotorik üben, das Halten eines Stiftes, ein Verhältnis von Raum und Lage ausbilden, Unterrichtsmaterial in die Hand nehmen, sie drehen und wenden, sie verschieben, knicken… etwas tun.

Sprachen kann niemand innerhalb von 6 Wochen lernen (da muss man den Begriff noch mal überdenken!), auch die beste Sprach-App kann das nicht leisten. Sprache ist eine ganze Welt und benötigt den ganzen Menschen, wie sie ihn auch erfasst. Lassen Sie sich nicht in die Irre führen. Was Sie mit ihnen lernen sind funktionelle Sprecheinheiten, die Sie weder sprachsystematisch durchschauen noch begreifen. Sie lernen Formeln, die Sie in bestimmten Situationen zweckmäßig anwenden können, die aber nicht viel mit Ihnen zu tun haben. Sie können sie aber nicht auf anderen Wortschatz und neue Situationen übertragen. Sie müssen also immens viele Formeln lernen und behalten.

Das aber wird das Problem werden. Behalten werden Sie sie nämlich vermutlich nicht, denn sie sind ja immer verfügbar im www oder Ihrer Cloud. Sie können also nach der zielführenden Anwendung die schnell gelernte Formel getrost wieder vergessen – Speicherplatz ist wertvoll und sie brauchen Ihren Kopf vermutlich für noch anderes. Und morgen steht das, was Sie suchen, auch noch im Netz.

Bevor man diese segenbringenden Medien nutzen kann, müssen Kinder und auch Erwachsene lernen, die richtigen Fragen zu stellen. Sie brauchen dazu Fertigkeiten, die weit über die digitalen Medien hinaus gehen und die ihnen auch noch zur Verfügung stehen, wenn der Strom ausfällt, die Erden seltener und die begehrten Geräte teurer werden. Wenn sie als „User“ zu Staub verfallen, sobald Ihnen kein Gerät zur Verfügung steht – dann ist etwas falsch gelaufen. Dann sind sie nicht autonom und selbstbestimmt, sondern abhängig und fremdbestimmt.

Das ist der Grund, warum es keine LETHE-APP geben wird: das beißt sich mit unserem Konzept, unserer Philosophie vom Lernen und den Erkenntnissen der Neurologie und Linguistik. Wir sind nicht gegen Tablets oder Smartphones oder Computer. Aber in unserem Unterricht brauchen wir sie nicht. Im Unterricht – es sei denn es handelt sich um einen PC-Kurs zur Bedienung eines solchen Gerätes – schauen wir nicht auf Monitore oder Displays und wir tippen nicht auf Tastaturen. Ich denke, wir haben Recht, dass wir diesen Raum bewahren – denn irgendwann am Ende der Sprachlern-Apps – kommen die Schüler zu uns und müssen noch einmal ganz vorne anfangen. Dann haben sie aber schon viel Zeit und Energie verschwendet.