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DER LEHRER ALS PROJEKTIONSFLÄCHE

„Man darf nicht die richtigen Themen den falschen Leuten überlassen.“ (GKS)

… Oft wird davon gesprochen, dass Sprache „vermittelt“ werde, und dass die Lehrer die Sprachvermittler seien. Das stimmt so nicht ganz. In jedem anderen Unterrichtsfach könnte man von Vermittlung sprechen – für jegliche Sprache gilt dies gerade nicht: der Lehrer ist viel mehr Mittler als Vermittler. Als Mittler ist er eine Brücke, über die die Schüler gehen können.

Im DaF-Unterricht ist der Dozent – wie er in seiner Funktion heißt – nicht nur ein Sprachlehrer, sondern auch die vermutlich erste wichtige Bezugsperson für den Lerner in der neuen Sprachumgebung. Diese Person wird vorläufig, und für nicht wenige Lerner auch langfristig, das kulturelle Modell, an dem sie sich orientieren. Auch wenn diese Person gerade nicht erklärt, spricht oder eine Übung korrigiert, lehrt sie etwas mit ihrer Mimik, Gestik, der Art, sich vom Stuhl zu erheben, sich hinzusetzen, nachdenklich zu blicken – über die fremde Kultur. An dieser Stelle ist es zum ersten Mal wirklich wichtig, dass wir zwischen dem weiblichen und dem männlichen Lehrer unterscheiden, denn ihnen kommen in dieser Interkulturalität und Neusozialisation im Unterrichtsraum verschiedene Rollen zu.

Projektion – ein Begriff aus der Psychologie – bezeichnet einen Abwehrmechanismus der hartnäckigen Art. Er liegt vor, wenn bestimmte psychische Eigenschaften, wie Aggression, Sexualität, Gier, Neid, Lebendigkeit oder Unordnung in einer Person oder einer Personengruppe entwertet sind und daher von ihr nicht toleriert werden können. Da diese Anteile als schlecht oder böse konnotiert sind, sieht man sie nicht bei sich selbst, sondern am Anderen. Dort sieht man sie nun allerdings überdeutlich, nimmt sie als störend wahr und meint fast zwangsläufig, sie bekämpfen zu müssen. Zur Projektion eigener Anteile gehört zusätzlich, dass man emotional gereizt auf dieses Thema reagiert. Solchermaßen fokussiert, begegnet das Thema einem überall.

Eine Projektion schwappt, wenn sich die betreffende Person des Konflikts nicht bewusst ist, in den Bereich des verdrängten Ärgers, der sich in Zorn entladen kann. Will der Lehrer Projektionen auflösen – was er im Falle, dass er das Ziel einer solchen Projektion geworden ist – tun müsste, müsste er den Konflikt an- und aussprechen, damit der unbewusste Prozess an die Oberfläche gehoben wird. Auch das wird in einem Sprachunterricht der Art unseres Kontextes bisweilen nötig, ist aber nur schwer möglich, weil die gemeinsame Sprache fehlt.

Gehen wir jedoch optimistischerweise von einer Projektion nicht im pathologischen Sinne, sondern als Normalfall aus, dann ist sie in erster Linie ein Nach-Außenstellen von inneren Einstellungen. Im besten Fall erkennen Menschen das, was nicht ihren Erwartungen entspricht, und modifizieren ihr Weltbild an der einen oder anderen Stelle. Manche Überzeugungen jedoch – sowohl auf Seiten der Schüler wie auch der Lehrer – markieren den Kern ihrer Identität, was zur Folge hat, dass sie sich nicht so leicht von der anderen Weltsicht überzeugen lassen. Hat jemand eine Überzeugung oder ein Vorurteil, lässt er beim Beweis des Gegenteils keineswegs sofort davon ab, sondern unterstellt dem Anderen zuweilen Verstellung, mit der er seine wahren Absichten vertuscht. Derlei Vorgänge gibt es innerhalb von kleinen, größeren Gruppen, zwischen gleichsprachigen Menschen, zwischen Männern und Frauen.

Erst wenn die Schüler mit unangemessenem Ärger reagieren und uns von „inakzeptablen Verhaltensweisen“ oder „unmöglichen Einstellungen“ erzählen, die sie zu erkennen glauben, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um die Projektion als Abwehrmechanismus handelt, dem eine Verdrängung innewohnt. Im Unterricht begegnet uns eher die Projektion als Normalfall….

aus dem Kapitel 3.6 – „Der Lehrer als Projektionsfläche“

Das Zitat stammt von Gabriele Krone Schmalz.

SELBSTTEST FÜR LEHRER

Nicht nur die Lerner müssen im Verlauf des Unterrichts immer wieder einer Zwischeneinstufung unterzogen werden, auch der Lehrer wird sich selbst immer wieder neu „einstellen“ müssen, wenn er seinen Lernern ihre neue Sprache in positivem Klima und in guter Struktur vermitteln will. Hier haben wir – noch unsystematisch – einige Punkte zusammengestellt, mit denen schon einmal begonnen werden kann:

 

  Lehrersprache stimme nicht zu stimme   eher nicht zu stimme eher zu stimme
zu
1 Ich spreche sehr deutlich und langsam.
2 Ich spreche laut.
3 Mein Hochdeutsch ist dialektal und regional gefärbt.
4 Ich verwende Unsicherheits- und Vagheitsausdrücke (wie „sag ich mal“, „sozusagen“, „quasi“, „und so weiter“). 
5 Meine  Sprechweise ist grammatikalisch korrekt. 
6 Ich neige zu Abbrüchen und zu Reparaturen meiner eigenen Sätze. 
7 Meine Sprechweise ist frei von Manierismen und Marotten (wie „ne“, „ok“, „gell“, „halt“, „nicht wahr“, „ähmmmm“) 
8 Ich unterbreche die Schüler, weil ich ihre Antworten bereits kenne und sie ihnen vorsage. 
9 Ich spreche gerne im Passiv und/oder verschachtelt. 
10 Wenn ich die Vergangenheitsform verwende, dann das Präteritum. 
11 Ich bin indirekt und sehr höflich. 
12 Meine Körpersprache (Gestik, Mimik, Raumposition, Körperhaltung) ist sehr ausgeprägt. 
13 Ich habe einen großen Wortschatz und kann Wörter gut erklären. 
14 Wenn meine Schüler mich nicht verstehen, kann ich eine alternative Struktur verwenden. 
15 Ich korrigiere jeden Fehler, den meine Schüler machen. 
16 Ich verwende einfache Redemittel/Routinen  und setze sie wiederholt ein. 
17 Ich habe mich als Schüler oft zu Wort gemeldet, ich hatte immer etwas zu sagen. 
18 In der Schule habe ich leise gesprochen und still meine Aufgaben gemacht. 
19 Ich duze jeden, weil ich finde. dass das Vertrauen schafft. 

In dieser Liste fehlen – wie gesagt – noch einige Aspekte. Der komplette Fragebogen wird später zu unserem Instrumentarium gehören.