SCHREIBSCHRIFT IST WICHTIG

„Warum muss ich Schreibschrift schreiben?“ fragte mein Schüler, als ich einen Füller und ein Heft mit den bekannten drei Linien mitbrachte und vor ihn legte.

„Schauen Sie“, und er machte es mir flink vor, „ich kann sehr schnell auch ohne Schreibschrift schreiben.“

Was er aber tut, wenn er die Buchstaben in Windeseile aufs Papier wirft: Er schreibt sie in entgegengesetzter Richtung, manchmal von rechts nach links, dann von links nach rechts, von oben nach unten oder unten nach oben – die Groß- und Kleinschreibung ist verwaschen, uneinheitlich – alles nur angedeutet und flüchtig – wie – so pflegte mein Lehrer damals zu sagen – als wäre eine Ameise übers Papier gelaufen.

Quelle: http://www.handschrift-schreibschrift.de/s/cc_images/cache_28665965.jpg?t=1395776274

Von unseren 26 lateinischen Buchstaben lassen sich 9 relativ leicht mit Verbindungsstrichen verknüpfen. Das e und die Buchstaben h, k, l sind mit relativ geringem Aufwand umformbar, bedürfen aber der Anleitung. Die andere Hälfte der Buchstaben ist zwar nicht leicht umformbar, aber auch das kann unter Anleitung gelingen – die Frage nach der geeigneten Schrift beantworte ich weiter unten.

Was aber passiert, wenn der Druckschrift zwar eine Umwandlung in eine Handschrift zur Seite gestellt wird, aber nicht wirklich geübt und angeleitet wird? Die Leserlichkeit geht vollends verloren. Die Grundvoraussetzungen einer gut lesbaren Schrift sind die immer gleich eingehaltene Form der Buchstaben; eine Variation öffnet Uneindeutigkeit Tür und Tor.  Wenn Buchstaben ohne Unterlängen (z.B. f, g und p, y) in einer Einheitsgröße geschrieben werden, die Linie missachtet und über- oder unterschritten wird und die Buchstabenabstände viel zu eng sind, wirkt eine Schrift chaotisch. Woher kommt aber diese Desorientierung?

Buchstabengruppen

Es geht nicht um die Schnelligkeit beim Schreiben, es geht um viel mehr. Wenn wir das Gesprochene, das ausgesprochene Wort zu Papier bringen und schreiben, schreiben wir nämlich viel weniger einzelne Buchstaben als vielmehr Laute, die sich in mehreren Buchstaben niederlassen. Ein Diphtong („ei, au, eu, äu“) ist ein Laut, der sich zweier Grapheme bedient. Sie gehören auch beim Schreiben verbunden. Das „sch“, das „schr“, das „schrei“ werden in einem Schwung gesprochen und können auch so geschrieben werden. Wir buchstabieren doch ja auch beim Sprechen nicht, sondern verbinden die Laute zu Silben.

Als ich als Erwachsene Persisch und dazu die arabische Schrift lernte, fiel mir einmal mehr auf, wie in unseren Sprachen und Schriften bestimmte Laute mit ihren Graphemen immer verbunden, andere nie verbunden werden und wie erleichternd es ist, wenn man weiß, wie die Führung von einem Graphem zum anderen ist. Das Arabische kennt eine Druckschrift wie bei uns nicht – das Schreibenlernen ist mithin wenn nicht schwieriger, so doch aufwendiger und übungsintensiv, wie sie es für uns auch geblieben wäre. 

Motorik und Wahrnehmung

Die Ausführung der Bewegung, der Schwung, der Rhythmus tun etwas mit unserem Denken – das Verbundene, Fließende schult die Feinmotorik und nimmt den Druck aus der Hand. Druckschrift bedeutet erhöhten Druck auf die Hand – und Stakkato regt das Gehirn nicht an, sondern unterbricht dort etwas. Schreibschrift ist eine Motorik- und Wahrnehmungsschulung von übergeordnetem Wert, die gerade im Zeitalter abnehmender motorischer Fähigkeiten der Kinder an Bedeutung gewinnt.

Innere Melodie und Individualität

Schreibschrift ist viel mehr als Druckschrift ein In-Kontakt-Treten mit der eigenen „inneren Melodie“. Unterschriften in Druckschrift? Sie zeigen so wenig persönliche Handschrift, dass eine Identifikation kaum möglich ist. In unserer Handschrift drückt sich auch unsere Eigenart aus. Ist es allerdings nicht erwünscht, dass Menschen sich über ihre Besonderheiten im Klaren sind, wird man vermeiden, sie zu Individuen heranwachsen zu lassen. Sollte es etwa so sein, dass über die Druckschrift eine Chancengleichheit garantiert werden soll? Das wäre ein großer Irrtum.

Schreibschrift fördert die Fähigkeit, viele verschiedene Ausführungen von Grundformen zu erkennen und individuelle Ausprägungen wahrzunehmen. Das ist wichtig, um andere Schriften lesen zu können oder sich etwa in historische Schriften einzuarbeiten. Verlieren die Kinder und Heranwachsenden diese Fähigkeit, bilden wir am Ende Analphabeten heran, denn – wie oben gesehen – die Druckschriften sind bis zur Unkenntlichkeit unleserlich und bereiten keine Freude.

Was muss man wissen?

Schreibenlernen erfordert Vorläuferfertigkeiten: den Dreipunktgriff und die Beweglichkeit der Hand, die schon früh in Grundkoordination geübt werden muss. Schwungübungen sind alles andere als obsolet.  Fehlt diese Übung können Kinder keine gleichmäßige Form und Größe der Buchstaben erzeugen und sie nicht im Mittelband anordnen, Zahlen können außerdem nicht sicher in einem Rechenkästchen untergebracht werden, was sehr wichtig fürs schriftliche Zusammenrechnen wird.

Schrift erfordert einen Automatisierungsprozess, der unterstützt werden muss. Das Vorstellen der Buchstaben und ihrer Verbindung und ein „Nachspuren“ führen noch lange nicht zu einer Automatisierung. Dazu bedarf es gezielter Übungen und – was oft übersehen wird – der Fokussierung auf den schreibmotorischen Prozess. Kinder können nämlich nicht beides gleichzeitig, sich auf die Schrift und auf den Text konzentrieren. Schrift entwickelt sich eben nicht von selbst durch Texte verfassen. Mangelnde Automatisierung erkennt man z.B., wenn Kinder auch in der fünften Klasse für manche Buchstaben noch keine feste Schreibweise haben und den Linienverlauf je nach Vorgängerbuchstaben neu generieren. *

Das Erlernen einer Handschrift verlangt also gezielte Anleitung und ein besonderes Training von Anfang an. Lässt man das Kind experimentieren und die Schrift eigenständig erarbeiten, schleichen sich falsche Gewohnheiten und Automatismen ein. Eine angeleitete Übungszeit muss sein.

Welche Verbundschrift?

Meine Generation hatte in der ersten Klasse noch eine Schiefertafel, einen Griffel und einen Schwamm im Ranzen. Auf dieser Tafel tätigten wir unsere ersten Handübungen: Schleifen, Spitzen, Bögen und andere. Die Schrift, die wir anschließend lernten: die lateinische Ausgangsschrift.

Quelle: https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=1433240

 

Nicht nur, weil ich mit dieser Schrift groß geworden bin (sondern nach Lektüre und Gespräche  über die anderen beiden – die Vereinfachte Ausgangsschrift und die Schulausgangsschrift) bin ich fast sicher, dass sie die schönste aller Schriften ist. 

Die seit 2011 probehalber eingeführte Grundschrift, um dem Schwinden der Handschrift entgegenzuwirken, ist eigentlich eine Druckschrift.

http://www.li-hamburg.de/fix/files/doc/Deutsch_GrS_2011_06_17_K.pdf

 

Ich habe mir zwei Dinge vorgenommen: 1. jetzt wieder häufiger mit meinem alten, wiederaktivierten Füller zu schreiben, und 2. mit meinen Schülern regelmäßiger das „Schönschreiben“ zu üben. Dafür muss ich mich in den nächsten Wochen richtig einlesen.

 

  • http://www.handschrift-schreibschrift.de/zusammenfassung-und-ausblick/