SCHULZUSTÄNDE

 

Unterschiedliche Schullandschaften

 
Im Folgenden erwarten Sie jede Menge Zahlen. Warum ich sie zusammentrage? – Natürlich steht dahinter bzw. am Ende der Zahlenreihen die Sprache Deutsch. Sie wird betrachtet im Zusammenhang mit einer neuen Bildungsstruktur unserer zukünftigen Gesellschaft. –  Fangen wir in Frankfurt an.
 
Von den 724.486 Einwohnern in Frankfurt sind 50,4 % Frauen, 16,4 % junge Menschen unter 18 Jahren, 15,9 % ältere Menschen über 65. 28,6 % der Einwohner sind Ausländer bzw. Ausländerinnen, 22,6 % Deutsche mit Migrationshintergrund.1 An den Frankfurter Schulen gibt es insgesamt 66.021 Schüler in sieben verschiedenen Schulformen.
 
38,6 % aller Schüler besuchen die an die 90 Grundschulen, 0,3 % fallen in die Förderstufen. 2,4 % der Schüler lernen an Hauptschulen, 4,1 % gehen auf Förderschulen, 8,7 % auf Realschulen. Integrierte Gesamtschulen werden von 12,2 % besucht – auf die Frankfurter Gymnasien entfallen übrigens 33,6 %.
 
Zu diesen Schülern kommen noch Schüler an berufsbildenden Schulen: 27.8391 – aktuelle Zahlen dürften jetzt – Ende 2016 – etwas anders aussehen. Ich bin gespannt auf die Statistiken von 2017.
 
An den Grund- und 10 Hauptschulen lernen insgesamt 26.443 Schüler:
 
 
In den Grundschulen halten sich die Kinder mit und ohne Migrationshintergrund die Waage, während die Zahl der ausländischen Kinder im Verhältnis dazu etwa ein Drittel der Schülerzahlen erreicht. Deutsche mit Migrationshintergrund und Ausländer überholen die Deutschen ohne Migrationshintergrund mit einer Gesamtanzahl von 14.446 um 3.919 Schüler. 43 % der Kinder sind Deutsche ohne Migrationshintergrund. Das ergibt ein Verhältnis von 1:1,37.
 

In den Hauptschulen sieht das Verhältnis noch anders aus: Von insgesamt 1.470 Schülern in 79 Klassen sind 259 Schüler Deutsche ohne Migrationshintergrund, 260 mehr – nämlich 519 – sind Deutsche mit Migrationshintergrund. Zusammen mit den ausländischen Kindern (692) steigt die Zahl auf 1.211. 18% der Kinder sind Deutsche ohne Migrationshintergrund. Auf einen deutschen Schüler ohne Migrationshintergrund kommen damit 4,67 Deutsche mit Migrationshintergrund und Ausländer.
 
Hinter den Angaben „mit Migrationshintergrund“ und „Ausländische“ vermuten wir nicht zu Unrecht, dass die Kinder und Heranwachsenden die Sprache Deutsch möglicherweise nicht als Erstsprache sprechen. Selbst wenn sie Deutsch verwenden – als Zweitsprache – dann in vielen verschiedenen Kompetenzgraden, mit unterschiedlichen Lernersprachen und mit mehr oder weniger ausgeprägten Schwierigkeiten in der Schule. Schauen wir,  woher die ausländischen Kinder kommen:
 
Insgesamt geht die  Zusammenstellung von 11.701 Schülern über alle Schulformen hinweg aus. Bei 66.021 Schülern insgesamt kommt es zu einem Verhältnis von 1: 0,18,  d.h. auf etwa sechs deutsche Schüler kommt einer mit einer außerdeutschen Herkunft.
 
Den weitaus größten Teil (55%) in der Zusammenstellung machen Schüler aus „sonstigen Ländern“ aus. Sie sind nicht im Einzelnen aufgeführt. Vermutlich sind hier die Kinder aus Nordafrika, Afghanistan, Iran, Syrien, Pakistan, Eritrea und Somalia (und anderen afrikanischen Ländern) sowie Staatenlose zu finden. Leider habe ich keine detaillierte Verteilung für diese große Gruppe gefunden.
 
Über alle Schulformen hinweg ergibt sich die Rangfolge wie sie die Kopfzeile angibt. Was die Grundschule angeht, stehen ebenfalls Schüler mit türkischem Hintergrund an erster Stelle, gefolgt von Schülern aus Polen, an dritter Stelle rumänische, an vierter Stelle italienische Kinder. Der Anteil der „Anderen Nationen“ macht etwa 59 % aus.
 
In den Hauptschulen finden sich an erster Stelle Türkei-, dann Rumänien-, Bulgarien- und an vierter Stelle Italienstämmige. Der Anteil der „Anderen“ beträgt hier 43,9%.An den Gymnasien ist der Anteil der „Sonstigen Nationen“ mit 60% deutlich höher als ihr Anteil an Realschulen: 46,9 %. Auf Gymnasien führen die Türkei (deutlich) und Kroatien, gefolgt von Italien und Serbien. Was die Realschulen angeht, ist wiederum die Türkei zahlenmäßig die größte Gruppe, gefolgt von Italien und Serbien.
 
Hier sind die Zahlen der von den Schülern erreichten Abschlüsse an den verschiedenen Schulformen genauer:
 
 
Von insgesamt 119 Schülern, die ohne Hauptschulabschluss von der Schule abgingen, sind 38 Deutsche ohne Migrationshintergrund. 28 haben einen Migrationshintergrund und 53 sind Ausländer.  In Prozent ausgedrückt: 32 % sind DoM, 23,5 % DmM und 48,7 % ausländische Kinder. Den Hauptschulabschluss schaffen 34 % DoM, 24,3 % DmM und 41,54 % ausländische Kinder und Jugendliche. Die Quote der Ausländer, die einen Abschluss schaffen, liegt unter der der Abgänger ohne Abschluss.
 
Deutsche ohne Migrationshintergrund – also hier geboren und ohne einen Elternteil mit Zuwanderungsgeschichte – profitieren (haben zumindest theoretisch die größere Möglichkeit, davon zu profitieren) mit Eintritt ins Kindergartenalter von Anfang an von der Förderung ihrer vorschulischen Fertigkeiten. Sie wachsen mit der Möglichkeit, sich die hiesigen Kulturtechniken anzueignen, auf. Bei den deutschen Kindern mit Migrationshintergrund sowie bei den ausländischen Kindern, die womöglich erst nach dem 3. Lebensjahr mit der Sprache Deutsch und der hiesigen Lernkultur in Kontakt kommen, kann dies bei Schuleintritt schon nicht mehr vorausgesetzt werden.
 
Dass die Quote der Kinder/Jugendlichen ohne Migrationshintergrund höher ist als die der mit Migrationshintergrund, ist nur im ersten Moment erstaunlich. Die Gründe, warum 15-, 16-Jährige ohne Abschluss die Schule verlassen, sind vielfältig. Unter ihnen sind – zwar nicht an erster Stelle – Motivations- und Perspektivlosigkeit zu nennen. Defizitäre Sprachkenntnisse und eine andere Erstsozialisation dürften schwerer wiegen.
 
Exkurs:

Der Auftrag der Hauptschulen – auf die ich hier einen besonderen Blick werfe, weil ich meine, dass wir nicht mehr Akademiker, sondern besser in praktischen Berufen ausgebildete Menschen brauchen – war bis jetzt immer auch der einer „tiefen demokratischen Idee“.

Ein weiteres Kennzeichen der Hauptschule (vom Wort Haupt – also an der Spitze = führend) ist die herausgehobene Bedeutung von Erziehung und sozialem Lernen. Sie fördert in besonderer Weise die Entfaltung der Persönlichkeit der Schüler und unterstützt sie darin, in der Auseinandersetzung mit der unterrichtlichen Sache und bei der Gestaltung des Schullebens ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Im Zusammenhang mit Schulschwierigkeiten spricht Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (28.10.2016) von einem großen Einfluss der „Schülerzusammensetzung“: Ob Standards (bei den Abschlüssen oder Lernzielen – meine Anm.) erreicht werden, hänge davon ab, wie hoch der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund sei. Für die Stadtstaaten dürften Anteile von 42 bis 48 Prozent aber noch lange „keine Ausrede“ sein.

Der bildungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Özcan Mutlu, sagt, man könne in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland nicht weiter akzeptierten, dass Bundesländer mit vielen Kindern mit Migrationshintergrund auf den hinteren Rängen lägen. Wie aber er dies verhindern will, macht er dabei nicht klar. Hessen ist vielleicht nicht als Land in großer Gefahr, wohl aber die Stadt Frankfurt, auf einen solchen hinteren Rang zu rutschen.

Also, da müssen wir herausfinden, was genau vorliegt. Sind die Fakten aus den Schulen ein Resultat der „sozialen Herkunft“, ein Verteilungs-, ein politisches oder am Ende doch nur ein sprachliches Problem?

In der bildungspolitischen Diskussion wird viel über das Wesen des bestehenden Schulsystems zusammengetragen. Ungerechtigkeit entsteht – so heißt es – auch durch die Vierteilung: Auf die Grundschule folgen bekanntermaßen vier Möglichkeiten für die Kinder bzw. ihre Eltern, die ja in der Hauptsache über den Schulbesuch ihrer Kinder entscheiden. – Was die Hauptschulen angeht, ist ihr Ende vielleicht schon besiegelt, denn ihnen wird vorgeworfen, zu einer Art Sonderschule – einer stigmatisierten Schule längst vergangener Zeiten – verkommen zu sein.

Die Hauptschule hat auch den Auftrag, ihre Schüler zur Mündigkeit zu erziehen. Das heißt, sie zu einer selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Lebensgestaltung in einer demokratischen Gesellschaft zu befähigen. Dabei verbindet sie, um dieses Ziel zu erreichen, personale und soziale Erziehung sowie fachliche Bildung.

Ein wichtiger Aspekt des Bildungsauftrags einer Hauptschule ist weiterhin die Förderung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Die Fähigkeit, sich auszudrücken, umfasst einen bewussten und reflektierten Gebrauch der deutschen Sprache als mündliches Kommunikationsmittel im Unterricht und als Verständigungsmedium in allen schriftlichen Arbeiten.8

„Um die Hauptschule abzuschaffen, braucht es keinen politischen Willen, es braucht nur genug Eltern mit der Angst vor der Restschule. Binnen zwei Jahren haben in Frankfurt drei Hauptschulen geschlossen. Geblieben sind nur drei reine Hauptschulen, also solche, die keine angeschlossene Grundschule haben oder mehrere Schulzweige anbieten. Sie sterben einen langsamen Tod.“9
 
Der Bildungsauftrag des Gymnasiums unterscheidet sich vor allem im erzieherischen Auftrag von dem der Hauptschule. Auf Gymnasien sollen die Schüler in einem wissenschaftspropädeutischen Unterricht konsequent daraufhin ausgebildet werden, sich auf einem hohen Niveau und mit höheren Abschlüssen an Fachhochschulen und Universitäten bewegen zu können.10
 

Vom Schüler  werden Eigenschaften und Verhaltensweisen,  die für einen erfolgreichen Schulbesuch und für die sich daran anschließenden Ausbildungsabschnitte in Studium und Beruf unerlässlich sind, nicht erst ausgebildet, sondern erwartet und vorausgesetzt:

 
  • Intellektuelle Neugier und Kreativität,
  • Auffassungsgabe und Denkvermögen,
  • Selbständigkeit und Motivation,
  • Ausdauer und Beharrlichkeit,
  • Belastbarkeit,
  • Urteilsfähigkeit und
  • Arbeitsqualität.
 
Wie ist die Situation in Frankfurt? Von 2.198 Abiturienten sind insgesamt 1.494 Deutsche ohne Migrationshintergrund, und 429 mit Migrationshintergrund. 275 Ausländerinnen haben die Hochschulzugangsberechtigung erworben.1 Das prozentuale Verhältnis liest sich so:
 
67,9 % der Schulabgänger mit Hochschulreife sind Deutsche ohne Migrationshintergrund, 19,5 % DmM und 12,5 % ausländische Kinder.
 
Neulich unterhielt ich mich mit einer pensionierten Lehrerin, die sich darüber freute, dass im Vergleich zu vor 30 Jahren jetzt soviel mehr Schüler das Abitur machten. Ich konnte ihre Freude nicht recht teilen, habe ich doch selbst an einem Offenbacher Gymnasium als „Unterrichts-Garantie+“-Lehrerin einen Einblick nehmen können, auf welche Weise und zu welchem Preis dieser Abschluss heute erworben wird und wie sich nicht erst seit G8 die Inhalte nicht etwa entschlackt (was ja gut wäre, weil es das Abstoßen von Überflüssigem bedeuten könnte), sondern sich auf einen Unterricht mit wenig Lebensweltlichkeit und keinem großen Bildungsanspruch reduziert haben.
 
Der Deutsche Lehrerverband sorgt sich um die Standards an den Schulen: „Wenn eines Tages alle Abitur haben, dann hat keiner mehr Abitur.“9